„Open Memory Box“: Gedächtnis eines Landes auf 
Super 8

Open Memory Box

Die Open Memory Box umfasst momentan 415 Stunden Filmaufnahmen, die alltägliche Szenen aus dem Leben von DDR-Bürgerinnen und -Bürgern ab Mitte der 1940er bis Ende der 1980er Jahre zeigen 

Filmische Blicke auf das Leben in der DDR jenseits von SED, Stasi und Mauer: Die weltgrößte Digitalsammlung privater DDR-Schmalfilme ist seit September in vier Sprachen zugänglich.

Das Projekt Open Memory Box, die Sammlung authentischer Filmaufnahmen ehemaliger DDR-Bürgerinnen und -Bürger, ist einer zufälligen Begegnung zu verdanken. Der kanadische Politikwissenschaftler Laurence McFalls und der deutsch-schwedische Dokumentarfilmer Alberto Herskovitz trafen sich zum ersten Mal 2011 am Rande eines Fußballspiels ihrer Töchter in Berlin-Lichtenberg. Schnell stellte sich heraus, dass sie dasselbe Interesse teilen: die ehemalige DDR. Aus dieser Begegnung entwickelte sich in den folgenden Monaten, die McFalls im Rahmen eines Sabbatjahrs mit seiner Familie in Berlin verbrachte, die Idee zu einem gemeinsamen Projekt: eine Sammlung im Osten Deutschlands gedrehter privater Schmalfilme, die bis dahin in der (populär-) wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem SED-Regime nicht als Quellen genutzt wurden. Mit diesem filmischen Gedächtnis wollten die beiden Männer 20 Jahre nach dem Mauerfall eine gänzlich neue Perspektive auf das Alltagsleben in der DDR eröffnen und Stereotype aufbrechen.

Unter Filmmaterial sprichwörtlich begraben
Nachdem der DAAD 2013 ein Pilotprojekt finanziert hatte, baten McFalls und Herskovitz im Juli 2014 in einem bundesweiten Aufruf die Öffentlichkeit, alte private Schmalfilme zur Verfügung zu stellen. Das Echo war enorm. „Wir bekamen Hunderte gelber Postkisten mit Tausenden Filmrollen“, erinnert sich Laurence McFalls, der in seiner Karriere bereits mehrfach vom DAAD gefördert wurde. „Nach nur zwei Wochen gingen wir erneut über die Medien an die Öffentlichkeit. Diesmal baten wir, uns nichts mehr zu schicken. Wir konnten einfach keine Filme mehr annehmen, da wir sprichwörtlich unter dem Material begraben wurden.“

Open Memory Box_Laurence McFalls

Open Memory Box
Open Memory Box

DAAD-Alumnus Laurence McFalls ist einer der Initiatoren der Open Memory Box

Damit begann die eigentliche Arbeit – unterstützt von der Bundesstiftung Aufarbeitung (2014 und 2018), dem kanadischen Social Science and Humanities Research Council (2016), dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (seit 2019) und vom DAAD im Rahmen des Förderprogramms „Promoting German and European Studies in North America“. Das Material musste zuerst digitalisiert, dann gesichtet und schließlich verschlagwortet werden. Allein damit waren zeitweilig mehr als 30 Projektmitarbeitende beschäftigt. Das Ergebnis: rund 400 Stunden Filmmaterial.

Ein- und Ansichten
McFalls, dessen wissenschaftliches Interesse an der DDR bei einer privaten Reise Mitte der 1970er-Jahre geweckt wurde, überraschte die teils hohe Qualität der Filme; mitunter erinnerten sie ihn „fast an die französische Nouvelle Vague“. Die authentischen Aufnahmen, die nie für eine größere Öffentlichkeit gedacht waren, zeigen ganz alltägliche Szenen aus dem Leben von DDR-Bürgerinnen und -Bürgern ab Mitte der 1940er bis Ende der 1980er Jahre, die Gemeinsamkeiten zwischen den Lebenswelten in West und Ost offenbaren: Szenen in Haus und Garten, Hochzeiten, Weihnachtsfeiern, Urlaub am Meer. Sozialistische Aufmärsche und typische DDR-Architektur zeigen hingegen eine andere Realität jenseits der Mauer.

Open Memory Box_Filmboxen

Open Memory Box
Open Memory Box

Anhand von Suchbegriffen oder zufällig zusammengestellten Sequenzen kann der Nutzer der Open Memory Box in den ehemaligen DDR-Alltag eintauchen
 
Ein offenes (Anti-)Archiv
Nach sechs Jahren Arbeit ist dieses Filmmaterial seit Ende September 2019 in der Open Memory Box online frei zugänglich. Nach unterschiedlichen Kriterien kann die weltgrößte Digitalsammlung privater DDR-Schmalfilme nun auf Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch individuell erschlossen werden. So lassen sich die Filme ganz konventionell anhand von Suchbegriffen aufrufen oder über das innovative sogenannte Anti-Archiv, das zu einem bestimmten Stichwort beliebig zusammengestellte Zwei-Sekunden-Sequenzen zeigt. „Dadurch soll“, so McFalls, „die hierarchische, machtdurchdrungene Struktur des Archivs aufgebrochen und Leuten, die nicht genau wissen, was sie suchen, ermöglicht werden, in die Sammlung einzutauchen.“

Auch wenn das Projekt nun online ist – abgeschlossen ist es keineswegs: Neue Themen und Suchbegriffe werden laufend aufgenommen. Geplant sind zudem weitere Kurzfilme, in denen die Protagonistinnen und Protagonisten ihre Aufnahmen (familien-)historisch einordnen sowie die Umstände ihrer Entstehung erläutern. Die Open Memory Box bleibt also weiterhin geöffnet für Neues.

Marcus Klein/Britta Hecker (8. November 2019)

Zahlen und Fakten zur Open Memory Box

  • 415 Stunden (tonlose) Normal-8- oder Super-8-Zelluloidfilmaufnahmen
  • 2.283 Filmrollen
  • Gedreht von 149 Familien aus 102 Orten der ehemaligen DDR 
  • Drehzeit: 1947 bis 1990 
  • 2.700 Begriffe und 45.000 Marker unterstützen die Suche innerhalb der Sammlung 
  • www.open-memory-box.de