Erste deutsche HAW am Nil

German International Study Center GmbH (GISC)

Der Campus der German International University of Applied Sciences liegt in Ägyptens neuer Verwaltungshauptstadt, rund 70 Kilometer vom traditionellen Stadtkern Kairos entfernt.

Studieren mit hohem Praxisbezug in Studiengängen, die sich am Arbeitsmarkt orientieren: Das ist der Ansatz der neuen German International University of Applied Sciences (GIU AS) in Kairo. Mit dieser Hochschule stärken Deutschland und Ägypten nicht nur ihre Bildungs- und Wirtschaftsbeziehungen. Die beteiligten deutschen Hochschulen für angewandte Wissenschaften bauen auch ihre Internationalisierungsexpertise weiter aus. 

Die neue deutsche Hochschule in Kairo, die German International University of Applied Sciences – kurz: GIU AS – soll die Entwicklung des reformbedürftigen ägyptischen Hochschulsystems unterstützen. Der ägyptische Staat hat die GIU AS als ausländische Hochschule in Ägypten anerkannt und ihre volle Autonomie bestätigt. Im Kuratorium gibt es nur einen nicht stimmberechtigten Beobachter aus der Regierung. Mit der GIU AS exportiert Deutschland erstmals das Modell der Hochschulen für angewandte Wissenschaften nach Nordafrika. „Die German International University of Applied Sciences zeigt erneut, dass der deutsche HAW-Ansatz insbesondere im Bereich der Transnationalen Bildung bei unseren ausländischen Partnern auf großes Interesse stößt. Dies ist sowohl für die Internationalisierung der deutschen Hochschulen als auch für die Bildungs- und Berufschancen der jungen Menschen in den Partnerländern ein großer Gewinn“, sagt DAAD-Generalsekretärin Dr. Dorothea Rüland.

Gegründet wurde die GIU AS im Februar 2019. Jetzt, ein Jahr später, ist der Campus fast bezugsfertig. Er liegt in der neuen Verwaltungshauptstadt, rund 70 Kilometer entfernt vom traditionellen Stadtkern Kairos. Zum Sommersemester 2020 können Studierende dort beginnen: Angeboten werden 17 Studiengänge in den Fachbereichen Engineering, Business Administration, Informatics and Computer Science sowie Design. Die Unterrichtssprache ist Englisch. Aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) fördert der DAAD den Aufbau dieser Studiengänge im Programm „Transnationale Bildung“ mit einer Million Euro pro Jahr. Initiiert wurde die Gründung von Prof. Ashraf Mansour, der auch die German University in Cairo (GUC) ins Leben gerufen hat, eine private Stiftungsuniversität nach dem Modell deutscher technischer Universitäten und eines der Flaggschiffe transnationaler Bildungsangebote.

Deutsche HAWs mit internationaler Ausrichtung profitieren
Auf deutscher Seite ist ein Konsortium von Hochschulen für angewandte Wissenschaften an dem Projekt beteiligt: Federführend ist die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW Berlin). Sie kooperiert mit der Hochschule Ulm, der Hochschule Heilbronn sowie der UAS7, einem Zusammenschluss aus sieben forschungsorientierten deutschen Fachhochschulen mit starker internationaler Ausrichtung (siehe Kasten). Langfristig sollen weitere HAWs in das Konsortium einsteigen können – das Potenzial ist vorhanden, wie Prof. Tilo Wendler erläutert. Er ist Vizepräsident für Studium, Lehre und Internationales an der HTW Berlin und eng in das Projekt eingebunden: „Die derzeit 14 Studiengänge decken ein breites Spektrum ab. Mögliche weitere Studiengänge, für die jetzt schon ein besonderes Interesse besteht, sind unter anderem Pharmaceutical Engineering, Architecture und Food Engineering.“
 

GIU Tilo Wendler 1000x563
HTW Berlin Dennis Meier-Schindler

„Alle beteiligten Hochschulen für angewandte Wissenschaften bauen mit diesem Projekt ihre Internationalisierungsexpertise aus“, sagt Prof. Tilo Wendler, Vizepräsident der HTW Berlin.

Deutsch-ägyptische Beziehungen ausbauen
Warum sich das Engagement in Ägypten für HAWs lohnt? Allein Kairo hat zehn Millionen Einwohner. Insgesamt sind drei Millionen als Studierende an den ägyptischen Hochschulen eingeschrieben, und es werden stetig mehr. Ingenieurwissenschaftliche Studienrichtungen sind sehr gefragt, auch bei den weiblichen Studierenden. Außerdem gilt Ägypten als das wirtschaftlich stärkste Land in Nordafrika. „Ägypten wird sich durch die positive wirtschaftliche Entwicklung in wenigen Jahren zu einem umworbenen Kooperationspartner entwickeln“, schätzt Prof. Tilo Wendler. Die Hochschulen für angewandte Wissenschaften sollten daran interessiert sein, die deutsch-ägyptischen Beziehungen sowohl im Bildungs- als auch im Wirtschaftsbereich zu festigen. Wer frühzeitig aktiv sei, ist klar im Vorteil. Es gebe vor Ort zwar auch viele Hochschulen aus den USA, aber das deutsche Modell der Fachhochschulbildung inklusive Praktika und praktischer Abschlussarbeiten sei bislang wenig verbreitet, so Prof. Wendler. Außerdem können die beteiligten deutschen Hochschulen ihren Studierenden Auslandsaufenthalte an der GIU AS ermöglichen. Umgekehrt können Studierende der GIU AS Teile des Studiums an den deutschen Partneruniversitäten absolvieren. Durch den guten Kontakt zur German University in Cairo – die sehr anspruchsvolle Forschungsprojekte betreibt – sind in Zukunft gemeinsame Projekte realisierbar.

Von der Hochschulgründung profitieren also beide Seiten. Die deutschen Projektteilnehmer gewinnen einen attraktiven Partner und einen Standort in Nordafrika. Für Ägypten passt das Projekt gut zu den umfassenden Internationalisierungsbestrebungen und dem Bedürfnis der Regierung unter Präsident Abdel Fattah Al-Sisi nach einem intensiveren Austausch zwischen Hochschule und Arbeitsmarkt.

Enge Zusammenarbeit mit Unternehmen
Einer der Erfolgsfaktoren von Hochschulen für angewandte Wissenschaften in Deutschland ist die enge Zusammenarbeit mit Unternehmen und anderen Institutionen. Kann die GIU AS diese Form der gewinnbringenden Zusammenarbeit auch für Ägypten sicherstellen? Rund 250 deutsche Unternehmen produzieren in Ägypten, es gibt 700 Firmen mit deutscher Kapitalbeteiligung. Zahlreiche mittelständische Unternehmen sind bereits vor Ort. Das Bruttoinlandsprodukt betrug in 2016 rund 340 Milliarden US-Dollar. Deutschland liefert vor allem Maschinen, Autos und Fahrzeugteile nach Ägypten und ist zweitwichtigster Handelspartner.

Solide Struktur mit Perspektive
Der weitere Aufbau der GIU AS soll sich in drei Phasen vollziehen: Von 2020 bis 2024 entwickeln die beteiligten deutschen Hochschulen, zusammen mit Partnern in den Fakultäten der GIU AS, ein gemeinsames Grundstudium für jeweils ähnliche Studiengänge – immer auf der Basis bestehender deutscher Curricula. In der Ausbauphase von 2024 bis 2027 sollen Studierende der GIU AS entweder in Kairo oder an den Partnerhochschulen in Deutschland ihren Bachelor abschließen. Sie können dann auf dem ägyptischen und dem deutschen Arbeitsmarkt vakante Stellen besetzen. Ziel der Konsolidierungsphase bis 2031 ist es, weitere deutsche Studienangebote auf der Basis transnationaler Kooperationen zu etablieren.

Deutsche Hochschulbildung attraktiv
Die GIU AS kommt zur richtigen Zeit: Um die Modernisierung des Hochschulsystems zu unterstützen, ist Ägypten stark an Angeboten ausländischer Hochschulen interessiert, vor allem an transnationalen Bildungsprojekten. Neben der German University in Cairo (GUC) und dem Campus der Technischen Universität Berlin in El Gouna (siehe Kasten) existieren auch amerikanische, japanische, französische, britische sowie chinesische und russische Studienangebote. Dass deutsche Hochschulbildung als besonders attraktiv gilt, insbesondere das Modell der angewandten Wissenschaften, wird für den Start der GIU AS ein Vorteil sein.

Astrid Hopp (17. März 2020)
 

Zahlen und Fakten zur German International University of Applied Science (GIU AS)

  • Sommersemester 2020: Aufnahme des regulären Studienbetriebs
  • 17 Studiengänge in den Fachbereichen Engineering, Business Administration, Informatics and Computer Science sowie Design
  • Förderung durch den DAAD: rund 1 Mio. Euro pro Jahr, bewilligt für zunächst vier Jahre

Partner der GIU AS

  • Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW Berlin) – Leitung des Hochschulkonsortiums
  • Hochschule Ulm
  • Hochschule Heilbronn
  • UAS7  ̶  Zusammenschluss von sieben forschungsorientierten deutschen Fachhochschulen mit starker internationaler Ausrichtung: Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, Hochschule Bremen, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Technische Hochschule Köln, Hochschule München, Fachhochschule Münster, Hochschule Osnabrück)
  • German University in Cairo (GUC)