Wie Europäische Hochschulnetzwerke eine europäische Identität stärken wollen

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Europäische Hochschulen sind transnationale Allianzen von Hochschuleinrichtungen aus der gesamten EU, die eine gemeinsame langfristige Strategie verfolgen und europäische Werte und Identität fördern. 

17 europäische Hochschulallianzen haben sich im vergangenen Jahr auf den Weg begeben, die Vision der EU-Initiative „Europäische Hochschulen“ Wirklichkeit werden zu lassen. Ein zentrales Ziel der Europäischen Kommission ist es, durch die „Europäischen Hochschulen“ eine neue Generation von Europäerinnen und Europäern zusammenzubringen sowie gemeinsame Werte und eine europäische Identität zu fördern. Wir haben bei den Allianzen YUFE und CIVICA nachgefragt, wie sie dieses Ziel erreichen wollen und welche Rolle die aktuelle Corona-Pandemie dabei zwangsläufig spielt. 

YUFE (Young Universities for the Future of Europe) ist ein Europäisches Hochschulnetzwerk, für das sich Universitäten aus acht europäischen Ländern zusammengetan haben. „European Identity and Responsibilities in a Global World“ – so heißt eines der folgenden vier Fokusthemen, auf die sich die Allianz konzentriert: Europäische Identität und Verantwortung in einer globalen Welt, Wohlbefinden der Bürgerinnen und Bürger, digitale Gesellschaften und Nachhaltigkeit. „Diese vier Themen sehen wir als große Herausforderungen auf europäischer Ebene, für die wir unsere Studierenden fit machen möchten. In Zeiten des zunehmenden Populismus sowie der Gefährdung von Demokratie und Wissenschaftsfreiheit steht für uns die Förderung einer europäischen Identität ganz vorne“, sagt Dr. Annette Lang, Leiterin des International Office der Universität Bremen, die als deutsche Partnerin bei YUFE beteiligt ist. „Ziel ist die Ausbildung einer Generation europäischer Bürgerinnen und Bürger, die Verantwortung übernimmt, Europa gestaltet, die Herausforderungen angeht.“ Mit einem Mitglied in Großbritannien, der University of Essex, setzt YUFE zudem ein Zeichen gegen das Auseinanderfallen von Europa. Großbritannien gehört seit dem Brexit am 31. Januar 2020 nicht mehr zur Europäischen Union.

Europäische Hochschulen

Europäische Hochschulen sind transnationale Allianzen von Hochschuleinrichtungen aus der gesamten EU, die eine gemeinsame langfristige Strategie verfolgen und europäische Werte und Identität fördern. Die Initiative zielt darauf ab, die Mobilität von Studierenden und Hochschulpersonal deutlich zu stärken und die Qualität, Inklusion und Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Hochschulbildung voranzutreiben. In zwei Pilotausschreibungen im Rahmen des Erasmus+ Programms sollen zunächst unterschiedliche Kooperationsmodelle von Hochschulallianzen entwickelt und getestet werden.

YUFE – Young Universities for the Future of Europe

  • University of Antwerp, Belgien
  • University of Eastern Finland in Joensuu und Kuopio, Finnland
  • Università degli studi di Roma Tor Vergata, Italien
  • Universität Zypern in Nikosia, Zypern
  • Universität Bremen, Deutschland
  • Universidad Carlos III de Madrid, Spanien
  • Maastricht University, Niederlande (Projektkoordination)
  • University of Essex, Großbritannien

Schwerpunkt virtueller Campus
Um diese Herausforderungen zu meistern, haben sich die YUFE-Partner folgende Arbeitspakete vorgenommen: Mobilität der Studierenden, Karriereentwicklung, Vernetzung mit Stadt und Gesellschaft sowie die Zusammenarbeit mit politischen Akteuren auf kommunaler Ebene sowie Unternehmen vor Ort. Zum Thema „Europäische Identität“ werden die einzelnen Universitäten zunächst sichten, welche Studieninhalte sie im Angebot haben und welche davon für Studierende aller YUFE-Partner geöffnet werden können. Darüber hinaus werden die Partner zu diesem Thema gemeinsame Studienprogramme und -inhalte sowie Kompetenzprofile entwickeln, die sich maßgeblich, aber nicht nur, aus politik- und sozialwissenschaftlichen Fächern, Europastudien, Jura oder Wirtschaftswissenschaften zusammensetzen. 

Konzepte zur Stärkung der europäischen Identität

YUFE


Mitten in dieser Arbeit, die das Netzwerk im Dezember 2019 aufgenommen hatte, erfordert die Corona-Pandemie von allen Beteiligten ein Umdenken: Stark mobilitätsgetriebene Konzepte, die YUFE-Studierenden den physischen Austausch mit den Partner-Universitäten ermöglichen, europäische Karrierewege für Promovierende, Post-Docs sowie Professorinnen und Professoren, die Stationen an verschiedenen YUFE-Universitäten vorsehen oder Aktionen, die Studierende mit Bürgerinnen und Bürgern vor Ort in Kontakt bringen sollen – all das lässt sich mit eingeschränkten Versammlungs- und Reisemöglichkeiten nicht umsetzen. „Der physische und virtuelle Austausch von Studierenden und Lehrenden ist einer der Kernelemente von YUFE. Jetzt zwingt uns die Coronakrise dazu, dass wir uns in allen Bereichen auf unseren virtuellen Campus konzentrieren – eine Plattform, die Studierende und Lehrkräfte europaweit online miteinander verbinden soll und deren erste Funktionen zum Wintersemester 2020/21 zur Verfügung stehen werden. Zum Thema „Europäische Identität” wird es ebenfalls ein virtuelles Studienangebot geben“, erklärt die Leiterin des International Office der Universität Bremen. Das letzte große persönliche Treffen aller YUFE-Vertreterinnen und Vertreter fand im Januar 2020 in Maastricht statt. Jetzt laufen alle Arbeitstreffen im Netzwerk digital.

Von der Vision ins Detail
Ob persönlich oder digital – es gibt weiterhin viel zu tun: Hinter den großen Visionen der Allianz stecken unendlich viele Details, die geklärt werden müssen. Welche Studierenden werden unter welchen Bedingungen für welche Kurse zugelassen? Wann fängt das Wintersemester in Maastricht, Madrid oder Bremen an? Wie können die verschiedenen Fristen, Verfahren und Abschlüsse unter einen Hut gebracht werden? Die Hochschulallianzen stünden vor vielen Herausforderungen, meint Dr. Lang. „Viele davon kennen wir schon von früher. Doch mit der Europäische Hochschule haben wir jetzt ein ganz anderes Instrument, um die Internationalisierung der Hochschulen weiter voranzutreiben. Dabei hilft uns auch der DAAD, der im Rahmen des nationalen Begleitprogramms die Vernetzung der Universitäten fördert und dafür sorgt, dass wir als Europäische Hochschulen sichtbarer werden und mit einer Stimme sprechen.“ Mit dem nationalen Begleitprogramm für deutsche Hochschulen flankiert der DAAD die europäische Initiative. Neben der Umsetzung von Maßnahmen zur Stärkung des Politikdialoges, einer Vernetzung relevanter Akteure und einer gezielten Öffentlichkeitsarbeit unterstützt der DAAD deutsche Hochschulen in europäischen Allianzen mit zusätzlichen Projektfördermitteln.  

Konzepte zur Stärkung der europäischen Identität

Uni Bremen/Matej Meza

Vor der Coronakrise: YUFE-Vertreterinnen und -Vertreter bei einem Workshop in Bremen.

Coronakrise als Beschleuniger
Mit Mitteln aus diesem BMBF-geförderten Programm konnte die Hertie School in Berlin, deutscher Hochschulpartner der Allianz CIVICA (The European University of Social Sciences), im März zwei Mitarbeiter für die Digitalisierung der Lehre einstellen. Die acht Partner von CIVICA, dem sozialwissenschaftlichen Hochschulnetzwerk, müssen ihre regulären Lehrinhalte aufgrund der Coronakrise im Sommersemester 2020 ebenfalls online anbieten. Nikolas von Hoffmann, als Manager im Präsidialbüro der Hertie School mit der Koordination von CIVICA betraut, sieht darin auch eine Chance für die Allianz, ihre digitalen Ideen schneller umzusetzen als ursprünglich geplant: „Unabhängig von der aktuellen Situation standen bei uns digitale Initiativen auf der Agenda. Bisher hatten wir an der Hertie School aber noch kaum digitale Formate in der Lehre. Nachdem jetzt alle Dozentinnen und Dozenten entsprechend geschult sind, ist die Hürde nun niedriger, um gemeinsam mit den CIVICA-Partnern Onlinekurse einzuführen. Alle entwickeln im Moment digitale Formate und probieren aus, was gut funktioniert. An dieser Stelle wirkt die Coronakrise wie ein Beschleuniger.“ 

CIVICA – The European University of Social Sciences

  • Università Bocconi in Mailand, Italien
  • Central European University in Budapest, Ungarn
  • European University Institute in Florenz, Italien
  • Hertie School in Berlin, Deutschland
  • Școala Naţională de Studii Politice și Administrative in Bukarest, Rumänien
  • L'institut d'études politiques de Paris, Frankreich (Projektkoordination)
  • Stockholm School of Economics, Schweden
  • The London School of Economics, Großbritannien

Europäische Identität als sozialwissenschaftlicher Forschungsgegenstand
CIVICA hat sich vier Fokusthemen verschrieben: Demokratie im 21. Jahrhundert, globale Krisen, Datenrevolution und Zukunft Europas. „Für uns als sozialwissenschaftliches Netzwerk sind Europa und die europäische Identität ein Forschungsgegenstand und gleichzeitig eine übergeordnete Idee, die uns verbindet und uns allen ein Auftrag ist“, erklärt Nikolas von Hoffmann. „Als sozialwissenschaftliche Institutionen bilden wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus, aber eben auch Frauen und Männer, die später als Entscheidungsträger auf europäischer Ebene agieren. CIVICA stärkt die europäische Identität, indem wir gemeinsam künftige Entscheidungsträgerinnen und -träger ausbilden, welche die europäische Zusammenarbeit im Rahmen von CIVICA selbst erlebt und mitgestaltet haben und die gesellschaftliche Verantwortung im Sinne Europas übernehmen wollen.“ Darüber hinaus will die Allianz dazu beitragen, einen europäischen Ansatz in den Sozialwissenschaften gemeinsam zu stärken. Ziel ist es, die Bedeutung der Sozialwissenschaften bei der Einordnung politischer Entscheidungsprozesse und öffentlicher Debatten herauszustellen. 

Konzepte zur Stärkung der europäischen Identität

CIVICA


Um diese Ziele zu erreichen, plant die Allianz viele konkrete Aktivitäten, die dem Ziel, die europäische Identität zu fördern, verpflichtet sind. Eine stärkere Mobilität – physisch und virtuell – unter den Studierenden, gemeinsame Kurse auf Bachelorebene, die über gemeinsame Zertifikate miteinander verknüpft werden sowie eine engere Kooperation auf Master- und Doktorandenebene sollen dazu beitragen, dass sich bei allen Beteiligten eine CIVICA-Identität und damit auch eine europäische Identität stärker verankert. Zu den vier inhaltlichen Fokusthemen haben Arbeitsgruppen aus Forscherinnen und Forschern der CIVICA-Partner ihre Arbeit bereits aufgenommen. Über diesen inhaltlichen Impuls sollen die Forschungsagenden der Partner stärker miteinander verwoben werden, sodass sich gemeinsame Forschungsprojekte ergeben, an denen auch Doktoranden und Studierende mitwirken sollen. Diese Themen sind auch die Basis für gemeinsame Studieninhalte. Nikolas von Hoffmann: „Zum Wintersemester wird es Seminare etwa zu europapolitischen Themen geben, die zusammen mit einigen Partnern der Allianz durchgeführt werden. Dozentinnen und Dozenten der verschiedenen Standorte entwickeln dafür ein Curriculum, das sie in einer Mischung aus Online- und Präsenzveranstaltungen gemeinsam lehren werden.“ 

Konzepte zur Stärkung der europäischen Identität

CIVICA

Als persönliche Treffen noch möglich waren: Die (Vize)-Präsidentinnen und -präsidenten sowie Rektorinnen und Rektoren der europäischen Hochschulallianz CIVICA kamen in Berlin zusammen. 

Veranstaltungen für die Öffentlichkeit
CIVICA will aber nicht nur Hochschulangehörige einbinden, sondern auch eine breitere Öffentlichkeit an den jeweiligen Standorten. „Auch hier wollen wir unsere gemeinsame Expertise nutzen, um, angelehnt an die vier Fokusthemen, Formate für öffentliche Veranstaltungen zu erarbeiten, die eine europäische Dimension haben und für die Öffentlichkeit interessant sind“, erklärt der CIVICA-Koordinator. Als Beispiel nennt er die politische Reaktion auf die Coronakrise, die in verschiedenen europäischen Ländern kontrovers diskutiert wird und die unterliegenden europäischen Konflikte neu in den Vordergrund drängt. Eine weitere Idee, wie CIVICA über die Vernetzung der Hochschulen hinauswirken will, ist das Konzept, europapolitische Themen an Schulen zu bringen. Einige Partner der Allianz seien darin schon sehr gut und man könne viel von ihnen lernen, so von Hoffmann. Studierende könnten für kleinere Module oder einen Aktionstag an Schulen gehen, vor allem in sozial benachteiligten Gegenden, um der nachfolgenden Generation europapolitische Themen näherzubringen. Auch darin sieht CIVICA einen Beitrag zur Stärkung einer europäischen Identität.

Britta Hecker (7. Mai 2020)