„Wissenschaft hinter Gittern“ – als Langzeitdozentin für Jura in Buenos Aires

Ralf-Michael Reiz

Die Juristin und Kriminologin Dr. María Laura Böhm war vier Jahre Langzeitdozentin des DAAD an der Juristischen Fakultät der Universidad de Buenos Aires in Argentinien.

Studierende im Gefängnis für die Forschung zu begeistern sowie Menschenrechtsverletzungen in Lateinamerika im Kontext transnationaler Rohstoffkonzerne zu untersuchen: Für die Juristin und Kriminologin Dr. María Laura Böhm sind dies zwei herausragende Projekte, die sie während ihrer vierjährigen DAAD-Langzeitdozentur an der Universidad de Buenos Aires (UBA) initiieren und umsetzen konnte.

Das DAAD-Programm Langzeitdozenturen vermittelt Lehrkräfte über einen Zeitraum von bis zu fünf Jahren an ausgewählte Universitäten in wichtigen Partnerländern – mit dem Ziel, die wissenschaftliche und kulturelle Präsenz Deutschlands in den Gastländern zu stärken. Die drei Säulen einer Langzeitdozentur: Lehre, Forschung und akademischer Austausch. Nach der erfolgreichen Bewerbung für eine Stelle an der Juristischen Fakultät der Universidad de Buenos Aires (UBA) startete die argentinisch-deutsche Juristin María Laura Böhm ihre Lehr- und Forschungstätigkeit im Sommer 2015. 

Der Besuch einer Veranstaltung an der deutschen Botschaft in Buenos Aires war die Initialzündung für ein außergewöhnliches Lehrprojekt während ihrer mehrjährigen Tätigkeit. Dort erfuhr die Juristin und Kriminologin von einer besonderen akademischen Anfrage des Centro Universitario Devoto (CUD), der Universität im Gefängnis Devoto in Buenos Aires. 1985 wurde dieses Universitätszentrum der UBA gegründet, damit Strafgefangene ihr Recht auf Bildung erfüllen können. Im Vordergrund steht die soziale Eingliederung nach dem Strafvollzug. Dozentinnen und Dozenten unterschiedlicher Fakultäten der UBA halten dort regelmäßig Vorlesungen. Eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft in Buenos Aires berichtete Böhm von einem Schreiben der studierenden Gefängnisinsassen, die gerne an Forschungsprojekten mitarbeiten würden und die Botschaft um Unterstützung baten. „Mein Interesse war sofort geweckt, den studierenden Strafgefangenen verschiedene Forschungsmethoden zu vermitteln und dabei auch eigene Themen und wissenschaftliche Ansätze aus Deutschland einzubringen“, erzählt Böhm. 

Wissenschaft hinter Gittern
Aus ihren juristischen Vortragsreihen im Gefängnis, zusammen mit Lehrenden weiterer Fakultäten, entwickelte sich ein einzigartiges Projekt: der Konferenzzyklus „Wissenschaft hinter Gittern – Studien über und im Gefängnis aus Sicht der Rechts-, Architektur- und Kulturwissenschaften“. Gemeinsam mit dem DAAD-Informationszentrum Buenos Aires erarbeiteten Böhm und Dozierende anderer Fakultäten die inhaltlichen Schwerpunkte für die Konferenz. Im Blickpunkt: die Reflexion über die Wissenskultur und das wissenschaftliche Arbeiten am CUD und den Platz, den die Gefängnisuniversität in der akademischen Forschung einnimmt – beziehungsweise in Zukunft einnehmen könnte. Die vier Konferenztage fanden im Juni 2019 an den UBA-Fakultäten für Recht, Philosophie und Literatur, Design und Städtebau sowie dem Universitätszentrum im Gefängnis statt. Einer der CUD-Studierenden koordinierte die Forschungsgruppe von Böhm intern und war als Diskutant eingeladen. Zu diesem Studenten, der mittlerweile sein juristisches Studium abgeschlossen hat und in Freiheit lebt, hält Böhm auch nach Abschluss ihrer Langzeitdozentur von Deutschland aus Kontakt und steht ihm unterstützend zur Seite. „Es freut mich, dass meine durch den DAAD geförderte Dozentur an der UBA so nachhaltig wirkt. Einige der studierenden Gefängnisinsassen werden demnächst ihre wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlichen“, unterstreicht Böhm, die seit Sommer 2019 zunächst im Rahmen eines DAAD-Rückkehrstipendiums als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Strafrecht und Kriminologie der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) arbeitete und seit August 2020 dort fest unter Vertrag ist.

„Wissenschaft hinter Gittern“ – als Langzeitdozentin für Jura in Buenos Aires

UBA, jur. Fakultät

Der Konferenzzyklus „Wissenschaft hinter Gittern“ mit Dr. María Laura Böhm (Mitte).

Unsichtbare Gewalt sichtbar machen
Ein weiteres herausragendes Projekt während ihrer Zeit in Argentinien ist für Böhm das Forschungsseminar „Transnationale Unternehmen, Menschenrechte und strukturelle Gewalt in Lateinamerika“. Das Projekt sei nur dank der mehrjährigen Dozentur realisierbar gewesen, da ein solches Vorhaben viel Zeit brauche. Hintergrund des Projekts ist die Ausbeutung von Öl, Gas, Gold, Silber, Eisen, Kupfer, Zinn und anderen Rohstoffen durch transnationale Unternehmen. Die Situation in vielen Ländern Lateinamerikas habe sich in den vergangenen Jahren durch die Zunahme der Rohstoffaktivitäten verschlechtert – mit irreversiblen und negativen Auswirkungen auf den Lebensunterhalt der lokalen Bevölkerung und die Ökosysteme vor Ort. „Das Einzigartige an diesem Forschungsprojekt war, dass ich nahezu auf der ,grünen Wiese‘ mit der Forschungsarbeit beginnen konnte. Meine Idee war es, den Zusammenhang zwischen den kriminogenen Bedingungen in ausgewählten Ländern, den transnationalen Rohstoffindustrien und Menschenrechtsverletzungen zu erforschen – und diese Untersuchungen auch auf Fehlentwicklungen in der Kriminal- und Sicherheitspolitik der einzelnen Länder auszudehnen“, erklärt Böhm.

Transdisziplinäres Forschungsprojekt
Dafür brachte sie spezifische Konzepte und Werkzeuge der Kriminologie in die Forschungsarbeit ein – etwa die Viktimologie, das heißt die Opferforschung als Teildisziplin der Kriminologie, die an der UBA im Zusammenhang mit dem Thema bis dahin noch nicht angewandt wurde. „Ich habe die Studierenden sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eingeladen, nicht nur die juristischen und rechtlichen Fragen, sondern auch die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Aspekte transnationaler Rohstoffbeziehungen einschließlich der Umweltkriminalität transdisziplinär zu erforschen, um auch zu verstehen, was jenseits der Gesetze geschieht. Ich wusste nicht, wie die Resonanz auf das Seminarangebot sein würde, da keine Leistungsnachweise für die Teilnehmenden vorgesehen waren“, schildert sie ihre anfänglichen Bedenken. Doch das Interesse war von Beginn an vorhanden – auch bei Studierenden anderer Fakultäten, wie Psychologie und Politikwissenschaften. Seit Seminarstart ist die Teilnehmergruppe stetig gewachsen. „Nach Abschluss meiner Langzeitdozentur habe ich das Seminar von München aus weiterhin geleitet. Inzwischen sind wir 40 Personen, die sich gemeinsam in das Forschungsprojekt einbringen“, so die Juristin.

„Wissenschaft hinter Gittern“ – als Langzeitdozentin für Jura in Buenos Aires

Privat

Feldforschung für das Forschungsseminar „Transnationale Unternehmen, Menschenrechte und strukturelle Gewalt in Lateinamerika“: im Gespräch mit Vertretern indigener Gemeinschaften in der argentinischen Provinz Formosa.

Forschungsergebnisse veröffentlicht
Über die Forschungsarbeit und die Methodik des Seminars ist im April 2020 das digitale Buch „Transnationale Unternehmen, Rohstoffe und Konflikte in Lateinamerika: Unsichtbare Gewalt sichtbar machen“ erschienen, das von der Juristischen Fakultät der UBA für eine Veröffentlichung ausgewählt wurde. Dort sind auf einer interaktiven Karte 90 analysierte Fälle bestehender Konflikte markiert. Für die Fallanalyse in den verschiedenen Ländern hatte Böhm mit der Seminargruppe einen Fragenkatalog nach einer spezifischen Methodik entwickelt. „Das Buch spiegelt nicht nur unsere Forschungsergebnisse wider, wir haben auch versucht, die Dynamik und Methodik dieser kollektiven Arbeit darzustellen, die sich in zwei Jahren Forschungstätigkeit konsolidiert hat“, betont Böhm. Das Rückgrat der Teamarbeit bildeten die zweiwöchentlichen Treffen im Ambrosio-Gioja-Institut der Juristischen Fakultät der UBA, in denen die Studie, die Debatte, der Austausch von Ergebnissen, die methodische Entscheidungsfindung sowie die Organisation von Aktivitäten außerhalb des Kernprojekts thematisiert und diskutiert wurden. „Das gemeinsame Arbeiten in Kleingruppen auf Augenhöhe und in intensivem Austausch hat mich begeistert. Studierende, Absolventinnen und Absolventen, Doktorandinnen und Doktoranden sowie Promovierte haben mit gleicher Intensität zu dem Ergebnis beigetragen, das nun veröffentlicht wurde.“

Vera Haase (16. Februar 2021)