Europäische Hochschulen im Dienst der Gesellschaft

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Mehr Verbindung schaffen zwischen Hochschulen und Gesellschaft: Das ist ein Auftrag der Europäischen Kommission für die Europäischen Hochschulen.

Die 17 europäischen Hochschulallianzen haben sich im vergangenen Jahr in die Arbeit gestürzt und begonnen, ihre jeweiligen Visionen umzusetzen. Neben den Kernaufgaben Lehre, Forschung und Innovation haben die Europäischen Hochschulen den Auftrag, verstärkt in die Gesellschaft hineinzuwirken. Wir haben die Allianzen EUGLOH und EPICUR gefragt, welche Konzepte sie sich dazu überlegt haben. 

Die Kernaufgaben von Hochschulen sind Lehre, Forschung und Innovation. Doch die Europäische Kommission hat den geförderten „Europäischen Hochschulen“ einen weiteren Auftrag mit auf den Weg gegeben: die Verbindung zwischen Hochschulen und Gesellschaft zu stärken. Denn die Kommission betrachtet die Allianzen als wichtige Akteure und echte Entwicklungsmotoren für Städte und Regionen, die in der Lage sind, große gesellschaftliche Herausforderungen anzugehen und das bürgerschaftliche Engagement zu fördern. 

Die European University Alliance for Global Health (EUGLOH) hat sich ganz der „Globalen Gesundheit“ verschrieben und stellt sich allein durch diese Themenwahl schon in den Dienst der Gesellschaft. Denn globale Gesundheitsthemen – ob Klimakrise, Epidemien oder Ungleichheit im Gesundheitswesen – wirken sich immer direkt auf alle Ebenen der Gesellschaft aus. Die aktuelle Corona-Pandemie zeigt das auf ganz drastische Weise. „So bringt beispielsweise Forschung zum besseren Verständnis der Entstehung von Krankheiten oder eine Lehre, die Gesundheitspersonal ausbildet, der Gesellschaft zumindest mittelbar einen Nutzen, indem sie dazu beitragen, Lebensbedingungen zu verbessern oder die gesellschaftliche Last abzufedern, die durch Krankheiten entstehen“, so Dr. Tobias Weinmann, Epidemiologe und Outreach Officer an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München. 

Europäische Hochschulen im Dienst der Gesellschaft

EUGLOH

Europäische Hochschulen

Europäische Hochschulen sind transnationale Allianzen von Hochschuleinrichtungen aus der gesamten EU, die eine gemeinsame langfristige Strategie verfolgen und europäische Werte und Identität fördern. Die Initiative zielt darauf ab, die Mobilität von Studierenden und Hochschulpersonal deutlich zu stärken und die Qualität, Inklusion und Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Hochschulbildung voranzutreiben. In zwei Pilotausschreibungen im Rahmen des Erasmus+ Programms sollen zunächst unterschiedliche Kooperationsmodelle von Hochschulallianzen entwickelt und getestet werden.

Allianz EUGLOH – European University Alliance for Global Health

  • Université Paris-Saclay, Frankreich
  • Lunds Universitet, Schweden
  • Universidade do Porto, Portugal
  • Szegedi Tudományegyetem/University of Szeged, Ungarn
  • Ludwig-Maximilians-Universität München, Deutschland

Mobilität klimafreundlich denken
Die LMU ist der deutsche Partner im Netzwerk der EUGLOH und für das Arbeitspaket „Dissemination and Sustainability“ (dt.: Verbreitung und Nachhaltigkeit) zuständig. Eigens dafür geschaffen wurde die Stelle eines Outreach Officer und durch zusätzliche Mittel des DAAD im Rahmen des nationalen Begleitprogramms gefördert. Zum Arbeitspaket gehören Aktivitäten, die EUGLOH plant, um über den Campus hinaus mit der lokalen Bevölkerung in einen Dialog zu treten, die Kommunikation von Wissenschaft nach außen zu stärken und dadurch einen Mehrwert für die Gesellschaft zu schaffen. Wegen der aktuellen Corona-Krisensituation sei EUGLOH stark damit beschäftigt, Formate virtuell zu organisieren, sagt DAAD-Alumnus Dr. Weinmann.

Vor dem Hintergrund des Klimawandels und als Netzwerk, das sich Global Health auf die Fahnen schreibt, sei EUGLOH ohnehin von Anfang an bestrebt gewesen, die Mobilität klimafreundlicher zu gestalten. So sind zum Beispiel auch virtuelle Praktika geplant, in deren Rahmen sicherheitskritische oder kostenintensive Experimente durchgeführt oder physische Praktika in Laboren vorbereitet werden können. Zudem ermöglichen sie bei eingeschränkter physischer Mobilität einer hohen Anzahl von Studierenden Zugang zu praktischen Erfahrungen. EUGLOH plant zunächst ein virtuelles interaktives 3D-Labor für tiermedizinische Analysen. Weitere Praktika auf Distanz wie zum Beispiel die Arbeit an virtuellen Patienten, Onlineplanspiele oder lokale Feldarbeit für internationale Forschungsprojekte sind ebenfalls denkbar.

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EUGLOH

Dr. Tobias Weinmann, Outreach Manager an der Ludwig-Maximilians-Universität München, deutscher Partner der europäischen Hochschulallianz EUGLOH.

Synergien nutzen
Bevorstehende Veranstaltungen wie die „Innovation Days“ des LMU Center for Entrepreneurship Ende Mai finden nicht wie ursprünglich geplant in München, sondern online statt. Das Ziel jedoch bleibt: innovative Lösungen für konkrete Herausforderungen zu liefern und dabei Expertinnen und Experten verschiedener Bereiche und Disziplinen mit unterschiedlichen Kompetenzen zusammenzubringen (z. B. aus den Fächern Epidemiologie, Medizin, Kommunikationswissenschaft, Ingenieurwissenschaft, Programmierung oder Design), um in möglichst kurzer Zeit Prototypen zu entwickeln. Eingeladen sind PhD-Studierende aller EUGLOH-Universitäten, ihre Ideen und Lösungsansätze für Global-Health-Probleme vorzustellen und unter Anleitung eines Coaches weiterzuentwickeln. Das könnte zum Beispiel eine App sein, die die Ausbreitung des Coronavirus eindämmt. Am Ende wird eine Jury ein Siegerprojekt wählen, das für ein halbes Jahr intensiv weiter betreut wird. Geplant ist außerdem, auch die anderen Projekte bei der Antragstellung oder der Suche nach geeigneten Partnern für die Weiterentwicklung und Umsetzung ihrer Idee beziehungsweise ihres Produkts zu unterstützen.

Als Präsenzveranstaltung sind die Innovation Days ein bewährtes Konzept der LMU, das in den kommenden Jahren reihum an allen Partner-Universitäten vor Ort ausgetragen werden könnte. „Wir müssen nicht bei allem von Null anfangen, sondern können sehr gute vorhandene Konzepte nutzen, um sie auf eine europäische Ebene anzupassen. So profitiert das Netzwerk vom Wissen aller Standorte“, erklärt Dr. Weinmann. Dabei bietet das EUGLOH-Netzwerk einen speziellen Mehrwert durch seine Interdisziplinarität mit verschiedenen Schwerpunktdisziplinen der unterschiedlichen Partner, beispielsweise Medizin/Gesundheit an der LMU oder Entrepreneurship- und Ingenieurwissenschaft in Porto und Szeged. Auch die Interkulturalität im Netzwerk ist wichtig, wenn es darum geht, nationale und kulturelle Besonderheiten von vornherein bei der Produktentwicklung zu berücksichtigen.

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EUGLOH

Treffen in Paris vor der Coronakrise: Vertreter und Vertreterinnen der Partneruniversitäten des europäischen Hochschulnetzwerks EUGLOH.

Eine Sprache, die jeder versteht
Des Weiteren organisiert die LMU in Zusammenarbeit mit der Université Paris-Saclay demnächst eine Online-Schreibwerkstatt, in der Studierende zielgruppenspezifische Kommunikationsmittel zum Thema Global Health für die Hochschulen entwickeln sollen. „Neben den Kommunikationsmitteln an sich steht hier die Vermittlung der Methodenkompetenz im Mittelpunkt. Wie können Gesundheitsthemen, die alle betreffen, an die Gesellschaft kommuniziert werden? Dazu braucht man nicht nur eine Kommunikationsstrategie, sondern auch eine andere Sprache als beispielsweise für die Veröffentlichung eines wissenschaftlichen Beitrags in einer Fachzeitschrift“, so Dr. Weinmann. Hier hätten die Universitäten noch Nachholbedarf. 

Austausch mit der übernächsten Generation
Dabei sind bei EUGLOH weitere Formate in Planung, die Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Bürgerinnen und Bürger auf dem Uni-Campus persönlich zusammenbringen. Die Allianz plane wissenschaftliche Veranstaltungen und Symposien, um zunächst bei den Studierenden das Bewusstsein für die Herausforderungen hinsichtlich globaler Gesundheit zu schärfen, so der Outreach Officer von EUGLOH. Ähnliches sei für die Öffentlichkeit angedacht: Podiumsdiskussionen zu Ernährung und Konsumverhalten sowie deren Auswirkungen auf das Klima sollen den Bürgerinnen und Bürgern gesundheitsrelevante Themen näherbringen.

Auch wenn solche Veranstaltungen auf lokaler Ebene durchgeführt werden, bietet das Netzwerk eine Plattform für einen Good-Practice-Austausch unter den beteiligten Universitäten sowie mittel- und langfristig die Möglichkeit, solche Formate gemeinsam zu entwickeln. Veranstaltungen dieser Art könnten später auch an Schulen stattfinden: „Eine unserer Leitlinien ist, dass EUGLOH die nächste Generation von Global-Health-Personal ausbildet. Schülerinnen und Schüler sind die übernächste Generation, daher ist es naheliegend, ihre Sichtweisen kennenzulernen und sich mit ihnen auszutauschen“, so der Outreach Officer. Bei den Veranstaltungen für Schulen handele es sich bei EUGLOH um ein generelles Konzept, das jeweils lokal angepasst und so von allen EUGLOH-Partner-Universitäten vor Ort genutzt werden kann. Wann solche Präsenz-Formate wieder realistisch sind, bleibt im Moment abzuwarten.

EPICUR – European Partnership for Innovative Campus Unifying Regions

  • Uniwersytet im. Adama Mickiewicza w Poznaniu (Posen), Polen
  • Universiteit van Amsterdam, Niederlande
  • Aristotle University of Thessaloniki, Griechenland
  • Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Deutschland
  • Université Haute-Alsace, Frankreich
  • Karlsruher Institut für Technologie, Deutschland
  • Universität für Bodenkultur Wien, Österreich
  • Université de Strasbourg, Frankreich (Projektkoordination)

Liberal Arts & Sciences für künftige Problemlöser
Auch in der Allianz European Partnership for Innovative Campus Unifying Regions (EPICUR) ist die Einbeziehung von Zivilgesellschaft und Wirtschaft von Anfang an mitgedacht. „Wir wechseln vom Wissensdreieck zum Wissensviereck und sehen uns als EPICUR-Allianz in dessen Zentrum, das alles gleich bedient: Lehre, Forschung, Innovation und die Verbindung zur Gesellschaft“, erklärt Projektleiter Michael Zacherle vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT), neben der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg der zweite deutsche Partner bei EPICUR. Deshalb sind die Liberal Arts & Sciences (LAS) eine tragende Säule von EPICUR. Der Tradition des Lernens und Lehrens in den Freien Künsten und Wissenschaften folgend, sollen junge Europäerinnen und Europäer ausgebildet werden, die ihre Kompetenzen als versierte Generalisten und Problemlöser später in Wirtschaft und Gesellschaft einbringen. LAS stellt interdisziplinäre Zusammenarbeit in den Vordergrund, um die gesellschaftlichen Herausforderungen von heute zu erkennen und bewältigen zu können. Schwerpunkte liegen auf der Förderung eines interkulturellen Bewusstseins, der Entwicklung von kritischer Analyse und Reflexion sowie der Fähigkeit, später eine Führungsrolle übernehmen zu können.

Im Rahmen von EPICUR sollen zwei LAS-Studiengänge entwickelt werden: „Natürliche und gesellschaftliche Nachhaltigkeit“ und „Europäische Identitäten“. Federführend sind bei diesem Arbeitspaket die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg sowie die Universiteit van Amsterdam. Geplant ist, dass jede Partneruniversität entsprechend ihrer Kernkompetenzen Module für diese Studiengänge einbringt. „Die Grundidee ist, dass Studierende nicht für ein oder zwei Semester an die Partneruniversitäten wechseln müssen, sondern durch virtuelle Methoden und Blended Learning auch kleinere Anteile wie einzelne Kurse oder Seminare an den anderen Universitäten absolvieren können“, berichtet Projektleiter Zacherle und fügt hinzu: „Hinter dieser Idee stecken viele formelle und gesetzliche Voraussetzungen, die dafür erst geschaffen werden müssen. Das ist in drei Jahren natürlich nicht zu erreichen, sondern nur langfristig.“ 

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EPICUR


Partizipativer Ansatz: Zivilgesellschaft nicht nur Empfänger
Das KIT bringt in diesem Zusammenhang auch seine Partnerschaft mit der Anna Lindh Foundation ein, ein Netzwerk von über 4.000 Nichtregierungsorganisationen zur Förderung des interkulturellen Dialogs im Mittelmeerraum – benannt nach der schwedischen Außenministerin Anna Lindh, die 2003 ermordet wurde. In Deutschland wird das Anna-Lindh-Netzwerk derzeit unter anderem vom KIT koordiniert. Über diese Verbindung haben die Studierenden bei EPICUR die Möglichkeit, bei den zivilgesellschaftlichen Organisationen Praktika zu machen. „Dieser partizipative Ansatz sorgt dafür, dass die Zivilgesellschaft nicht nur Empfänger von Daten aus dem ‚Elfenbeinturm‘ ist, sondern wir als Universitäten auch die Bedürfnisse der Gesellschaft aufnehmen“, so Zacherle.

Bevor die Studierenden in die Organisationen gehen, bietet die Université Haute-Alsace im französischen Mulhouse ein interkulturelles Training an, das auf die Praktika vorbereitet und im gesamten Netzwerk genutzt werden kann. Dieses Konzept arbeitet auch mit der Train-the-Trainer-Methode, indem neben dem Personal der Universität besonders Interessierte aus höheren Semestern die Methodik zur Vermittlung interkultureller Kompetenzen erlernen. Dieses Wissen werden sie überall dort weiterverbreiten, wo sie später tätig sind – in Unternehmen, Universitäten oder Organisationen. 

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EPICUR

Michael Zacherle, Projektleiter EPICUR am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Europäische Entrepreneurinnen und Entrepreneure
Als EPICUR-Partner legt das KIT besonderen Wert darauf, die europäischen Entrepreneure von morgen auszubilden. „Wir fördern das unternehmerische Denken bei unseren Studierenden nicht nur in Vorlesungen, sondern bieten auch Qualifizierungen im Bereich Entrepreneurship an“, sagt der Projektleiter am KIT. Entrepreneurinnen und Entrepreneure seien dann besonders erfolgreich, wenn sie von vorneherein international denken und ein Produkt entwickeln, das für viele Kulturen kompatibel ist. Als Beispiel für ein Konzept, das das KIT in die Allianz mit einbringe, nennt der Projektleiter die „Student Innovation Labs“, in denen Bedarfe aus der Zivilgesellschaft wie eine digital vernetzte Therapieausführung bei der Behandlung von Depressionen in ein Produkt umgesetzt werden. Zusätzlich soll nach dem Vorbild des Wettbewerbs GROW der „Pioniergarage“ am KIT ein internationaler Wettbewerb ausgestaltet werden, um im Rahmen von EPICUR die besten Start-ups an den Standorten der Partneruniversitäten zu küren.  

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Catherine Schröder/Université de Strasbourg

Vor der Corona-Pandemie: Vertreterinnen und Vertreter der Partneruniversitäten von EPICUR bei einem strategischen Meeting in Strasbourg.

Fokus auf virtuellen Lehr- und Lernverfahren
Mit Mitteln des DAAD baut EPICUR zudem derzeit ein virtuelles Labor auf, in dem EPICUR-Studierende den Umgang mit gefährlichen Substanzen lernen können. „Die virtuellen Reagenzgläser sind natürlich kein Ersatz für ein echtes Labor, sind aber ideal als niederschwelliger Einstieg“, meint der Physiker Zacherle. Dieses Modell könnte er sich auch irgendwann für die Schulen vorstellen – ein weiteres Ergebnis von EPICUR, das Widerhall in der Zivilgesellschaft finden würde. 

Britta Hecker (28. Mai 2020)