Bologna-Beratung auf Augenhöhe

Oliver Reetz/DAAD

Richtungsweisend – nach der Stadt Bologna in Italien ist der Prozess benannt, mit dem ein gemeinsamer europäischer Hochschulraum angestrebt wird.

Im Rahmen des Projekts „Bologna Hub Peer Support“ konnten sich Hochschulen aus ganz Europa um eine Beratung von ein bis zwei Bologna-Expertinnen und -Experten bewerben. Ziel des Projekts ist, gemeinsam Herausforderungen und Verbesserungspotenzial bei der Umsetzung der transnationalen Hochschulreform zu identifizieren und daraus konkrete Maßnahmen für die Hochschulen abzuleiten. Die ersten digitalen Treffen haben bereits stattgefunden.

Studieren und Forschen ohne Grenzen bedeutet über das eigentliche Studium hinaus auch Offenheit für andere Kulturen, Lernmethoden und Sprachen – das ist das große Ziel des Europäischen Hochschulraums (EHR). Studierende sollen problemlos in verschiedenen Staaten Europas vergleichbare Leistungsnachweise sammeln, überall anerkannte Abschlüsse machen und sich auf ähnliche Qualitätsstandards verlassen können. Bei der Umsetzung dieser sogenannten Key Commitments des Bologna-Prozesses sind die einzelnen Hochschulen jedoch nach wie vor unterschiedlich weit vorangeschritten. Eine sehr unmittelbare und individuelle Hilfe war nun über das Unterstützungsprojekt „Bologna Hub Peer Support“ möglich. Hochschulen aus allen 49 EHR-Teilnehmerstaaten konnten sich bis März um eine Peer-to-Peer-Beratung von bis zu zwei Bologna-Expertinnen oder Experten bewerben. 

Große Nachfrage
Das Projekt ist in verschiedene Phasen unterteilt. „Im Rahmen eines ersten digitalen Treffens identifizieren die jeweiligen Expertinnen und Experten zusammen mit den Hochschulvertreterinnen und -vertretern die individuellen Herausforderungen der Hochschule und erarbeiten gemeinsam Lösungsansätze“, erklärt Matthias Becker, DAAD-Referent für die Erasmus+ Politikunterstützung. Der DAAD ist für die operative Umsetzung des Projekts zuständig und brachte die Hochschulen mit den Beraterinnen und Beratern zusammen. Nach sechs bis zwölf Monaten treffen sich die Expertinnen und Experten mit den Hochschulvertreterinnen und -vertretern erneut und evaluieren das Erreichte. „Insgesamt haben sich 86 Hochschulen um die zunächst 25 angedachten Plätze beworben“, berichtet Becker. Kurzfristig habe man daher die Kapazität auf 30 Plätze erhöht. 

Expertinnen und Experten sprechen aus eigener Erfahrung 
Einige der insgesamt 27 Bologna-Expertinnen und -Experten aus 16 Ländern haben zwischen März und Mai bereits die ersten Treffen absolviert – wegen der Pandemie vorwiegend digital. Auf diesem Weg kamen auch Irine Darchia, außerordentliche Professorin für klassische Altertumswissenschaft an der Universität Tiflis, Georgien, sowie Klaus Kratzer, Professor für Computerwissenschaften an der Universität Ulm, im März mit Vertreterinnen und Vertretern der privaten Madrider Hochschule Universidad Francisco de Vitoria zusammen. Die Verantwortlichen in Spanien ersuchten Hilfe bei der Frage, wie die Hochschule internationaler werden könne. Wie kann sie einerseits attraktiver für ausländische Studierende werden, andererseits aber auch die Mobilität der eigenen Studierenden steigern? „Wir haben uns zunächst zu einem Vorgespräch mit dem Prorektor verabredet, um ein persönliches Band zu knüpfen“, berichtet Klaus Kratzer. „In einer größeren Runde aus insgesamt 15 Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Fakultäten sind wir anschließend einen Tag lang in die konkreten Inhalte eingestiegen.“ Dabei ging es zum Beispiel um die Überlegung, mehr Lehrangebote auf Englisch anzubieten, um einerseits die Hemmschwellen für ausländische Studierende zu senken, andererseits aber auch die Sprachkompetenz der eigenen Studierenden mit Blick auf Auslandaufenthalte zu verbessern. Thema war ebenfalls eine mögliche Flexibilisierung der Lehrplanzuordnung zu den jeweiligen Semestern. Zudem kam zur Sprache, dass für eine Internationalisierungsstrategie ein intensiverer Austausch zwischen den Fachkolleginnen und -kollegen verschiedener Hochschulen stattfinden müsse und nicht nur auf Verwaltungsebene diskutiert werden darf.

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Klaus Kratzer, Professor für Informatik an der Technischen Hochschule Ulm.

„Die Atmosphäre im Workshop war sehr gut und die Kolleginnen und Kollegen in Spanien sehr offen für unsere Anregungen“, resümiert Kratzer. Der Hauptgrund dafür ist aus seiner Sicht, dass die Beraterinnen und Berater selbst bereits viel Erfahrung in der praktischen Umsetzung der Bologna-Ziele mitbringen. „Wir erleben und testen selbst seit Jahren, was funktionieren kann, was draußen gelebt wird und was sich wirklich umsetzen lässt. Wir sind keine Theoretiker.“

Hochschulen profitieren von unterschiedlichen Perspektiven
Jelena Starčević, Professorin an der Universität Ost-Sarajevo, arbeitet zudem als stellvertretende Ministerin im Ministerium für Wissenschafts- und Technologieentwicklung, Hochschulbildung und Informationsgesellschaft der Republika Srpska, Bosnien und Herzegowina. Für sie ist die Diversität der Beraterpaare ein weiterer Vorteil des Projekts.

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Jelena Starčević ist Professorin an der Universität Ost-Sarajevo und zudem als stellvertretende Ministerin im Ministerium für Wissenschafts- und Technologieentwicklung, Hochschulbildung und Informationsgesellschaft der Republika Srpska, Bosnien und Herzegowina tätig.

Sie und Volker Gehmlich, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Englisch an der Hochschule Osnabrück, haben gemeinsam ein erstes Peer-to-Peer-Treffen mit Vertreterinnen und Vertretern der albanischen Universität Quirazi (Tirana) absolviert. „Weil Volker aus Deutschland kommt und ich aus Bosnien-Herzegowina, wir unterschiedliche Forschungsfelder vertreten und verschiedene berufliche Hintergründe haben, konnten wir sehr viele Perspektiven in unsere Beratung einbringen“, sagt Starčević. Auf der Agenda der Hochschule standen Fragen zur Mobilität, Anerkennung von Studienleistungen und Qualitätssicherung. „Für die erste Onlinesitzung hatten wir einen umfangreichen Fragenkatalog entwickelt. Darüber konnten wir in dem Meeting die konkreten Herausforderungen für die Hochschule gemeinsam herausarbeiten“, sagt Starčević. Auf Basis der Ergebnisse haben die beiden Berater nun konkrete Umsetzungs- und Änderungsvorschläge für die albanische Hochschule entwickelt und gehen davon aus, dass diese von der Hochschule bis zum nächsten Treffen eingehend berücksichtigt und umgesetzt werden.

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Volker Gehmlich, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Englisch an der Hochschule Osnabrück.

Wie Jelena Starčević ist auch Volker Gehmlich bereits seit vielen Jahren im Zusammenhang mit dem Bologna-Prozess international im Einsatz. Am „Bologna Hub Peer Support“ schätzt er den intensiven Austausch und die Nachhaltigkeit. „Anders als bei einem Vortrag, den ich an einer Uni halte, bin ich hier immer noch Teil des Prozesses, wenn die Effekte unserer Anregungen sichtbar werden“, sagt er. Sein Ziel sei vor allem, einen Funken bei den Verantwortlichen zu entzünden. „Ich möchte die Hochschulen davon überzeugen, dass es sich lohnt, nicht nur über Qualitätssicherung zu sprechen, sondern einen eigenen Qualitätsanspruch zu definieren und zu leben.“ So sei es nun auch für die albanische Hochschule eine wichtige Aufgabe, ihre Alleinstellungsmerkmale zu entdecken und für ausländische Studierende sichtbar zu machen.

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Dr. Eglantina Hysa ist Außerordentliche Professorin und Leiterin der Ökonomischen Fakultät an der privaten Universität Epoka in der albanischen Hauptstadt Tirana.

Zukünftige Trends direkt mitdenken
Dass sich die Umsetzung der „Key Commitments“ nicht losgelöst von allgemeinen Trends und Entwicklungen betrachten lassen, war Eglantina Hysa in ihrer Konsultation sehr wichtig. Die albanische Professorin war gemeinsam mit ihrer deutschen Kollegin Sonja Mikeska bei der Jagiellonian University in Krakau digital zu Gast. „In einem ersten Meeting ging es neben Internationalisierung und Qualitätssicherung um innovative Didaktikmethoden“, erklärt Hysa. „In einem Folgetermin haben wir auch über die Herausforderungen gesprochen, die das Institut während der Coronakrise meistern musste.“ Gerade sind die Expertinnen dabei, eine Liste mit konkreten Vorschlägen zum Akkreditierungsprozess und zur Internationalisierung verschiedener Programme zu erstellen. „Dabei wollen wir insbesondere Einblicke in zukünftige Marktanforderungen geben, die die Fakultäten berücksichtigen müssen, um die Qualität der Bildung aufrechtzuerhalten.“ Hier gelte es vor allem, neue (digitale) Trends einzubeziehen. Wie ihre Kolleginnen und Kollegen war Eglantina Hysa positiv überrascht, wie effektiv der Austausch trotz der Distanz war. Dennoch freut sie sich darauf, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der zweiten Konsultation persönlich in Polen zu treffen. „Wenn wir die Kultur und die Umgebung der Universität unmittelbar erleben, können wir unser Bild noch einmal abrunden.“

Melanie Rübartsch (30. Juni 2021)