Dem alten Rom auf der Spur

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Die römische Ruinenstadt Thugga im Norden Tunesiens ist nicht nur für Fachleute der Archäologie interessant. 

Das heutige Tunesien lag einst an den Grenzen des Römischen Reiches; deshalb finden sich hier sehr viele römische Siedlungsreste. Diese Zeugnisse der Vergangenheit machen für den Archäologen Dr. Arne Thomsen die Faszination des Landes aus. Dieses Interesse will der DAAD-Langzeitdozent an der Université de Tunis auch bei seinen Studierenden wecken – allen Widrigkeiten der Pandemie zum Trotz.

Die Stadt Thugga im Norden von Tunesien ist nicht nur für jene ein Begriff, die sich mit der Geschichte des römischen Reiches beschäftigen, sondern auch für viele Touristinnen und Touristen. Denn die römische Ruinenstadt steht auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Die Stadt erlebte ihre Blütezeit als Teil der römischen Provinz Africa im 3. Jahrhundert nach Christus. Das, was von ihr übrigblieb, zählt zu den besterhaltenen baulichen Zeugnissen antiken Lebens in Nordafrika. Doch für Experten wie Dr. Arne Thomsen hat Tunesien noch sehr viel mehr faszinierende Überbleibsel der römischen Zivilisation zu bieten. „Vor allem im Hinterland gibt es alle paar Kilometer alte römische Siedlungen, die oft in einem sehr guten Zustand sind und von denen man noch nie etwas gehört hat“, sagt der 50-Jährige. Der Archäologe weiß, wovon er spricht: Seit September 2018 lehrt er als DAAD-Langzeitdozent für Klassische Archäologie an der „Faculté des Sciences Humaines et Sociales“ der Université de Tunis und fand seitdem immer wieder die Zeit, archäologische Stätten zu erkunden.

Dem alten Rom auf der Spur

DAI Rom, Carolina Zamfirescu

Dr. Arne Thomsen ist DAAD-Langzeitdozent für Klassische Archäologie an der „Faculté des Sciences Humaines et Sociales“ der Université de Tunis. Hier bei seiner Antrittsvorlesung anlässlich der Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarung zwischen der Universität und dem Deutschen Archäologischen Institut. 

Experte für griechische Vasenmalerei des 6. und 5. Jahrhunderts 
Eingerichtet wurde die auf fünf Jahre angelegte DAAD-Langzeitdozentur in Verbindung mit einer Kooperationsvereinbarung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), Abteilung Rom, und der Universität Tunis – mit dem Ziel, die universitäre Lehre in den Altertumswissenschaften und benachbarten Fachgebieten sowie die Ausbildung von Studierenden auf Grabungsprojekten durch das DAI Rom vor allem in Tunesien zu unterstützen. Die Aufgabe für den Archäologen: Er soll Studierende auf dem Gebiet der Klassischen Archäologie unter Berücksichtigung kunstgeschichtlicher und restauratorischer Aspekte auf den neuesten Stand der Wissenschaft bringen. Für Thomsen kein Problem, genauso wenig wie die Anforderung, die Lehrveranstaltungen in französischer Sprache abzuhalten: Zuvor hat er nicht nur an der Universität des Saarlandes und an der Universität Kiel mehrere Jahre auf dem Gebiet der Kunst- und Bildgeschichte geforscht und gelehrt sowie an der FU Berlin seine Promotion zur Bedeutung von Flügelfiguren der griechischen Vasenmalerei des 6. und 5. Jahrhunderts vor Christus geschrieben, sondern auch als Student ein Jahr an der „École des Hautes Études en Sciences Sociales“ in Paris verbracht. „Ich fühle mich im französischen Sprachraum sehr wohl und der Forschung dort stark verhaftet, da die von mir verfolgte Forschungsrichtung zu den Vasenbildern stark aus diesem Sprachraum kommt.“ Neu war für den Wissenschaftler das Land Tunesien, das er zuvor nur einmal auf einer Reise nach Libyen als DAI-Stipendiat besucht hatte. Doch die positive Erinnerung an dieses Land, trog ihn nicht: „Tunesien hat eine gut ausgebildete Bevölkerung, ist sehr offen und liberal im Vergleich zu anderen arabischen Ländern.“

Dem alten Rom auf der Spur

Privat

In Tunesien gibt es noch viel zu entdecken: Dr. Arne Thomsen beim Erkundungsgang im Hinterland. 

Wenig Praxisübungen aufgrund der Pandemie
An der Universität Tunis bietet Thomsen die Module der antiken Kunst- und Kulturgeschichte in den Bachelor- und Masterstudiengängen Geschichte an. Zeitweilig gab es auch einen Master-Studiengang „Antike Archäologie“, doch wurde dieser aufgrund niedriger Studierendenzahlen wieder mit dem Studiengang „Alte Geschichte“ zusammengelegt. Die Ursache: Die Geisteswissenschaften gelten für junge Menschen in Tunesien derzeit eher als unattraktiv, weil es nach dem Studium an guten Jobmöglichkeiten mangelt. „Das wirkt sich negativ auf die Studierendenzahlen aus“, sagt Thomsen. Im Masterstudiengang „Geschichte und Archäologie der Antike“ bietet er Einführungskurse zum Thema „Antike Kunstgeschichte“, „Methodik der Erforschung antiker Skulptur“ und „Griechische Archäologie“ an. „Forschung und Lehre beschäftigen sich hier an der Universität intensiv mit den Zeugnissen der Vergangenheit im eigenen Land, aber selten über die Landesgrenzen hinaus. Auch der Zugang zur internationalen Fachliteratur fehlt, doch diese Überblicksexpertise kann ich den Studierenden gut vermitteln“, so der Langzeitdozent.

Das theoretische, in den Hörsälen vermittelte Wissen ist das eine; das andere ist die Praxis, die gerade in der Archäologie mit Exkursionen verbunden und eigentlich ein zentraler Bestandteil des Studiums ist. „Die Pandemie hat viele meiner Pläne durchkreuzt“, bedauert Thomsen. Dazu zählt auch ein geplanter Austausch, der durch die Kooperation des DAI und der Universität Tunis etwa über Stipendienprogramme für Aufenthalte von Studierenden in Bibliotheken des DAI vorgesehen war. Dieser wurde vorerst auf Eis gelegt. Das sei vor allem deswegen schade, so Thomsen, da die Studierenden in seinen Kursen sehr engagiert seien und intensiv zusammenarbeiteten.

Chance auf neue Entdeckungen
Der Pandemie zum Trotz hat Thomsen in diesem Jahr neben seiner regulären Lehrtätigkeit noch einiges vor. Im Februar startete er ein Onlinekolloquium, bei dem Doktorandinnen und Doktoranden, Postdocs sowie Masterstudierende aus der Archäologie und der „Alten Geschichte“ aus Deutschland und Tunesien zum Thema „Forschung zur Antike Tunesiens“ zusammenfinden sollen. Gemeinsam mit einem tunesischen Kollegen will der Archäologe zudem ein Forschungsprojekt anschieben: Er kann sich zwar in Tunesien nicht so sehr mit seinen bisherigen Forschungsschwerpunkten der griechischen Vasenmalereien und der römischen Sarkophage beschäftigen, interessiert sich allerdings sehr für die kulturelle Entwicklung in den Außenposten des Römischen Reichs. Thomsen: „Die Voraussetzungen für ein solches Projekt sind in Tunesien ideal, denn die Siedlungsdichte nach der Antike war hier vielerorts so gering, dass das einst von den Römern verwendete Baumaterial in den Jahrhunderten danach nicht gebraucht wurde.“ Die Folge: Viele Siedlungen aus der römischen Zeit sind recht gut erhalten. „Wie sonst kaum im ehemaligen Römischen Reich findet man in Tunesien selbst an unbekannten Orten oft aufrecht stehende Überreste von Tempeln oder einen ganzen gepflasterten Forumsplatz. Das haben wir an unserer Stelle nicht, aber dafür die Chance, noch etwas ganz Neues zu entdecken.“ Thomsen ist gespannt: Oberflächenfunde deuten auf ein wichtiges Heiligtum hin. Das deutsch-tunesische Forschungsduo will dieses Geheimnis lüften.

Benjamin Haerdle (22. Februar 2022)